Wednesday, May 1, 2013

[Interview] Torsten Stenzel: Das menschliche Element in der elektronischen Musik

Wenn man den Namen Torsten Stenzel hört, denkt man sofort an elektronische Musik mit schönen Gitarren Klängen. Dies kommt nicht von ungefähr. Mit seinem Bruder Jörg Stenzel hatte er in den 90ern das Projekt „York“ gegründet. Es folgten mit „The Awakening“ oder „On The Beach“ zahlreiche Produktionen, die für genau diesen speziellen Sound stehen. Da seine Musik meistens sehr nach Urlaub anmutet, verwundert es kaum, dass es ihn auf eine karibische Insel verschlagen hat, auf der er seit Jahren lebt und seine Musik produziert. Mittlerweile hat er auch viele Popgrößen wie Tarja Turunen (Nightwish) produziert.


Foto: Alexis Andrews; Author: Offshore Music

Im Rahmen meiner Radiosendung "The Magic Flight" habe ich im Sommer vergangenen Jahres ein Interview mit ihm geführt und unter anderem über sein Leben als Insulaner und seine musikalischen Zukunftspläne gesprochen.




Bevor wir das Interview beginnen, möchte ich mich erst einmal dafür bedanken, dass du die Gitarre in die elektronische Musik gebracht hast. Wer weiß, ob es Balearic Trance und all die coolen Sachen, die Roger Shah heute macht, geben würde, wenn dein Track „The Awakening“ nicht gewesen wäre…
Ja, ich glaube, da könntest du Recht haben. Ich habe mir in der Tat von Produzenten schon öfters sagen lassen, dass sie sich von der besagten Nummer haben inspirieren lassen. Viele von diesen Produzenten sind heutzutage sogar erfolgreicher als ich. 
Es liegt eigentlich sehr nahe, wenn man elektronische Musik macht, dass man probiert, auch andersartige Instrumente einzusetzen. Ich selber bin sehr viel mit der Gitarre aufgewachsen – aber auch sehr viel mit der elektronischen Musik. Und deshalb hat mich Kraftwerk genauso inspiriert wie Mike Oldfield und diese Gitarren-Helden. Ich fand es aber schon immer interessant, wenn man angefangen hat, Sachen zu kombinieren. Kraftwerk war zum Beispiel gewollt rein elektronisch, sodass ich da hin und wieder ein kleines menschliches Element vermisst habe. Und so kam dann Mitte der 90er auf Initiative von Taucher die Idee auf, meinen Bruder Jörg auf unseren Tracks Gitarre spielen zu lassen. 

Für mich verkörpert kein Track so sehr den Balearic Trance wie „White Sand“ von Sunlounger. Die Gitarre hat dein Bruder eingespielt. Inwieweit hast du bei dem Track auch deine Hände im Spiel gehabt?

Ich war damals zeitlich sehr eingebunden bezüglich meiner eigenen Produktionen und mein Bruder wollte einfach mehr machen. Und Roger Shah hat ihn dann gefragt, ob er Lust hätte, eine Kooperation zu machen. Ich hatte natürlich kein Problem damit. Im Endeffekt hat die „White Sand“ dann zu 99% nach York geklungen und viele dachten, dass die Nummer von mir ist, was eben daran liegt, dass mein Bruder schon einen ganz speziellen Sound hat. 

Spielst du selbst Gitarre?

Nein. Ich selbst spiele nicht besonders gut Gitarre. Ich kreiere nur neue Gitarrenmelodien. Beispielsweise die Melodie von „The Awekening“ hat sich aus zwei Melodien zusammengesetzt. Man ist also als Producer in der Hinsicht kreativ, als dass man Improvisationen so zusammenschneidet, dass etwas Neues dabei herauskommt. 

Welche Art von Problemen treten auf, wenn man auf einer „einsamen Insel“ Musik produziert?

Naja, nach 11 Jahren Ibiza und 6 Jahren Karibik bin ich ja eigentlich schon fast Profi-Insulaner. Die Probleme gleichen sich ein wenig. Das größte Problem, das wir auf allen Inseln haben, ist natürlich der hohe Salzgehalt in der Luft. Mir hat es anfangs meine Mischpulte regelrecht weggefressen. Das ist in der Karibik noch extremer als auf Ibiza. Dadurch, dass wir auch sehr viel Wind da haben, trägt es das Salz überall hin. Im Grunde genommen musst du in so einer Umgebung immer deine Türen geschlossen halten. Diese Traumvorstellung mit dem Mischpult am offenen Fenster vorm schönen Meer hat bisher noch bei niemandem funktioniert. Nimm Luca Anzilotti von Snap: Dem ist seine Konsole innerhalb von 3 oder 4 Jahren komplett weggerostet. 
Ein weiteres Problem, das hinzukommt, ist das Stromnetz. Es ist schon eine neue Herausforderung für einen, wenn der Strom einfach ausgeht und erst nach einer halben Stunde wieder angeht – oder eventuell gar nicht. Wenn du gerade mitten im Aufnehmen bist, ist das natürlich sehr ärgerlich, sodass man sich dann Generatoren besorgt. 

Aber trotz aller Probleme: Musik auf einer einsamen Insel zu machen, ist doch schon eine super Sache, oder?

Das ist es auf jeden Fall! Ich war in den letzten Jahren schon dankbar dafür, dass ich in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos da arbeiten konnte. Es gibt da auch andere Produzenten, die sich gerne derartige Plätze aussuchen, um ein wenig Ruhe von der Welt zu haben. Mike Oldfield sitzt zum Beispiel auf einer Insel auf den Bahamas. Oder wer zum Beispiel auch bei uns arbeitet, ist Eric Clapton. Es liegt wohl auch ein wenig daran, dass kreative Menschen wie Musiker das schöne Surrounding schätzen. 
Wobei ich persönlich momentan etwas hin und her gerissen bin. Es zieht mich wieder mehr in die Großstädte.

Du hast ja damals ausschließlich als EDM Produzent angefangen, arbeitest aber mittlerweile auch mit Größen der Popmusik zusammen. Wie hat sich das alles entwickelt?

Ich habe eigentlich immer alles nach dem Herz und dem Bauchgefühl gemacht. Es hat bei mir nie funktioniert, zu sagen: „Ich mache einen Track, der so und so klingt, weil das gerade angesagt ist.“ Ich musste immer meinen eigenen Weg gehen. Der Rest hat sich von alleine ergeben. Da fragt dann halt mal ein Moby für einen Remix an, weil er deine Nummern so gut findet und merkt, dass da viel Herzblut dahinter steckt. Später habe ich dann auch für Faithless und diverse andere Leute Remixe gemacht. 

Wo wir jetzt schon ein bisschen in deiner Vergangenheit gekramt haben: Die zweite Single deines Projektes York war „On The Beach“, eine Cover-Version eines Hits von Chris Rea…

Ja, das war auch so eine Follow-Your-Heart-Story. Ich habe Chris Rea in den 80ers schon immer geliebt, weil das diese Sehnsuchts-Popmusik war, die ich eingelegt habe, wenn ich mich irgendwie „mellow“ gefühlt habe. Es war für mich ein Traum, diese Nummer mal anzugehen. Ich habe die auch offiziell angefragt damals und mein Bruder hat dann die Gitarren eingespielt. Allerdings haben wir die Rhythmik etwas geändert, aber die Tonart beibehalten. Ich wusste eigentlich, dass ich das Original niemals toppen könnte, weil es einfach ein Evergreen ist. Deshalb haben wir eine Club-Nummer daraus geschraubt. Die ist dann heftiger eingeschlagen, als wir es uns überhaupt vorstellen konnten. Wobei die Nummer in England sehr viel erfolgreicher war als in Deutschland, was die Verkaufscharts angeht.

Ja, das habe ich auch schon festgestellt, dass im Dance-Bereich Nummern im UK viel mehr zünden als hier zu Lande…

Genau. Das ist irgendwie eine komische Geschichte, aber es ist so, dass auch ich persönlich im UK schon immer mehr Erfolg gehabt habe. Dort ging „On the beach“ bis auf Platz 3 hoch – höher als das Original jemals war – und hat dann auch Edelmetall eingeheimst. Als die Nummer da so abging, klingelte auf einmal mein Telefon und der Manager von Chris Rea war dran. Er erzählte, dass Chris so begeistert von der Nummer war, dass er uns unterstützen wollte. Das war für uns natürlich der Hammer, dass das große Idol deine Arbeit lobt. Daraufhin war Chris dann auch „an Bord“ bei uns und hat auch einige ganz wichtige Gigs gespielt. Der Gig für BBC war der Wahnsinn, als wir mit Chris Rea auf der Bühne standen. Daraus hat sich dann auch eine Freundschaft entwickelt und wir haben noch andere Songs zusammen gemacht. 

Kommen wir auf einen anderen Künstler zu sprechen. Nämlich den ersten Deutschen, der in im UK einen Nummer 1 Hit gelandet hat. Weißt du, wer das ist?

Hm, wer ist das denn?

André Tanneberger war das damals gewesen mit "9PM"…

Ah… Weißt du was? Andre Tanneberger hat mir gestanden, dass er von „The Awekening“ inspiriert worden war, als er die „9PM“ gemacht hatte. Daraufhin habe ich zu ihm gesagt: „André, du bist mir jetzt auf jeden Fall eine Nummer schuldig!“ Sodass wir dann zusammen die „Fields of Love“ produziert haben. Und wir haben auch nach wie vor ein gutes, freundschaftliches Verhältnis.

Du hast ja in der Zwischenzeit auch viele andere Sachen produziert…

Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Jahren der EDM so ein wenig den Rücken gekehrt habe für eine gewisse Zeit. Aber ich habe dann auch wieder festgestellt, dass das einfach meine Wurzeln sind. Ich sage auch bewusst „EDM“, weil ich mich nicht auf einzelne Stile beschränken will. Ich finde das immer Haarschneiderei, zu sagen „das ist jetzt Trance und das ist jetzt House“. 

Wobei ich selber gestehen muss, dass ich das hin und wieder tue, weil man sich dann leichter mit Leuten verständigen kann, wenn man Dinge bestimmten Kategorien zuordnet.

Ich glaube, das ist auch so bisschen ein deutsches Phänomen. Die Deutschen stecken gerne Dinge in Kategorien. 
Wobei ich persönlich sagen muss, dass ich im Trance (was für viele schon fast ein Schimpfwort als Genre ist) viele geniale Produzenten finde. Aber auch genauso im House Bereich. Selbst als Electro und Minimal so angesagt waren, habe ich auch einen Haufen geile Nummern entdeckt – beispielsweise Sachen von James Holden oder Trentemoller. Meiner Meinung nach sollte man immer open-minded bleiben, weil ich das Ablehnen von anderen Stilen einfach lächerlich finde.

Was wird musikalisch in Zukunft von dir kommen?

Im Herbst 2012 kommt mit „Islanders“ ein neues York Album auf Armada Records, was wir über drei Jahre eingespielt haben.
Die eine Seite ist eher clubbig und die andere sehr ruhig, weil mich Ibiza einfach über Jahre mit diesem Café del Mar Sound beeinflusst hat. Und dieser Sound war ja auch immer ein Teil von York. Beispielsweise war „The Awakening“ in der Original Version eine Nummer, die man zum Sonnenaufgang gespielt hat. Wir haben schon immer probiert, diese Sehnsucht in die Nummern reinzupacken. Insgesamt würde ich sagen: Sehr viele wegfliegende Gitarren, manchmal auch pink-floyd-isch… Es klingt insgesamt aber nicht nach typischem Chill-Out, sondern anders. Eine Nummer finde ich persönlich sehr geil, auf der spielt Mike Oldfield Gitarre. Dann ist eine Nummer zusammen mit den Thrillseekers auf dem Album vertreten, die ich extrem gut finde. Und auch eine Zusammenarbeit mit Steve Brian ist auf dem Album vertreten. 

Etwas, das ich im Internet über dich herausgefunden habe, ist, dass du auch ein Lounge Album mit Donald Trumps Ex-Frau produziert hast.

Ja, das war auch einer der Gründe, warum ich so oft in Los Angeles war. Ich bin sehr gut mit Marla Maples (ehemals Marla Trump) befreundet. Das Ganze ist natürlich total abgefahren. Es hat angefangen über gemeinsame Freunde, die uns bekannt gemacht haben. Und später haben wir dann ein schönes Lounge Album produziert, was aber aktuell noch auf Eis liegt. Es wird jedoch in naher Zukunft veröffentlicht. 

Weitere Infos über Torsten Stenzel und York gibt es auf www.facebook.com/YorkMusic



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